Interview: Manager und Führungskräfte sind einsame Leistungssportler

Was haben Manager und Leistungssportler gemein? Ein Vergleich, den Dagmar Riefler gerne gebraucht, um ihre Arbeit als Coach und Trainer zu beschreiben. Die Diplom Kauffrau, die selbst gerne Sport treibt, erkärt im Interview wie wichtig für Führungskräfte ein Coach sein kann.

Coaching-Wissen und Weisheiten mit einem Schuss HumorErnsthaftigkeit und Humor gehören für Dagmar Riefler zusammen, dies zeigt Ihre Antwort auf die Frage, welche Gemeinsamkeiten Manager und Leistungssportler aufweisen: „In der Regel nicht unbedingt die Muskeln, dafür aber viel Diszipin und enormes Durchhaltevermögen“. Coach und Beraterin Dagmar Riefler arbeit gerne mit leicht verständlichen Bildern. Vor zwanzig Jahren startete Sie Ihre Ausbildung als Coach mit einem NLP-Seminar. Eher zufällig, wie sie erklärt, denn während ihrer damaligen Tätigkeit als Marketingmanagerin eines kleinen Unternehmens, gehörte der Aufbau der unternehmenseigenen Seminarabteilung zu Ihren Aufgaben. Nach mehreren Jahren als Projekt- und Marketingmanagerin für verschiedene Unternehmen, arbeitet die auslandserfahrene Deutsche heute mit internationalen Kunden, die multikulturelle Anliegen haben. Coaching und Training führt die mehrsprachige Autorin und Journalistin in den Sprachen Deutsch, Spanisch und Englisch durch.

Red: Sie bezeichnen sich selbst als Coach und Trainer. Wie trennen Sie die beiden Bereiche?

DR: Wenig bis gar nicht. Das mag Sie vielleicht überraschen, aber ich arbeite sehr praxisorientiert. Das heisst, gemeinsam mit meinen Kunden definieren wir die Ziele und ich setze alles daran, meinen Kunden zu helfen, ihr Ziel zu erreichen. Als Coach ist es mein Anliegen, dass ich Menschen helfe, ihre eigenen Ressourcen zu entdecken und sie zu gebrauchen. Allerdings reicht die Erkenntnis alleine nicht aus. Üben und Anwenden in der Praxis ist für mich der Weg, Ziele zu erreichen und für diesen Weg ist Trainererfahrung wichtig.

Red: Gerade Manager stehen dem “Üben und Anwenden” sicher häufig kritisch gegenüber. Zeit ist doch sowieso knapp und Üben hört sich nicht sehr attraktiv an.

DR: Natürlich, aber es führt kein Weg daran vorbei. Nur der Entschluss und Wunsch Klavier zu spielen, reichen nicht aus, Klavierspieler zu werden. Sie sind die erste Voraussetzung. Dann kommt nun mal das Üben. Und hier entscheidet es sich. Wer alleine übt, gibt schnell auf. Ist der Klavierlehrer langweilig, dann vergeht die Lust. Beim Manager ist das ähnlich, nur dass er von einem Coach mehr fordern kann. Als Trainer versuche ich, Trainingseinheiten und Zeitbedarf in seinen normalen Tagesablauf einzubauen. Im Idealfall bedeutet dies keinen zeitlichen Mehraufwand für meine Kunden. Auch der Spassfaktor darf nicht fehlen. Denn Lernen uns Spass gehören für mich zusammen.

Red: Das hört sich nach einem langen Prozess an. Wieviele Sitzungen benötigt ein Kunde bei Ihnen?

DR: Ja, Lernen und Ändern braucht Zeit. Das heisst aber nicht, dass meine Kunden unendliche Sitzungen befürchten müssen. Das Projekt wird klar abgesteckt. In der Regel arbeiten wir anfangs intensiver zusammen und danach stehe ich in regelmässigen Abschnitten vor allem als Ansprechpartner auf Augenhöhe zur Verfügung. Das ist vor allem für Manager und Führungskräfte wichtig. Bei Mitarbeitern liegt mein Schwerpunkt mehr beim “trainierenden Coach”.

Red: Was verstehen Sie als unter “Ansprechpartner auf Augenhöhe”?

DR: Im Prinzip sagt der Ausdruck was ich meine. Als Coach bin ich weder Befehlsempfänger, noch Befehlsgeber. Ich befinde mich auf der selben Ebene wie mein Kunde. Dazu kommt, dass absolute Vertrauensverhältnis, Sie können das gerne auch Schweigepflicht nennen. Für den Manager oder die Führungskraft bietet dies den enormen Vorteil, dass ohne Bedenken im Klartext gesprochen werden kann. Natürlich gehört “zur Augenhöhe” auch, dass ich als Berater fachliche Kompetenzen und reichlich Erfahrung vorweisen kann. Dies hilft enorm, damit sich die Kunden auch verstanden fühlen. Ich muss kein Experte auf deren Gebieten sein. Aber ich muss in der Lage sein, mich schnell in Situationen hinein zu denken und zu fühlen. Dazu kommt, dass ich als externer Berater den Part der Sichtweise von Aussen mitbringe. Kurzum, für meine Kunden bin ich Zuhörer, Interviewer, Impulsgeber, Trainer und Berater

Red: Sie empfehlen jedem Manager, sich einen Coach zu engagieren. Das hört sich so an, als würden Sie Manager wenig zutrauen.

DR: Ganz im Gegenteil! Für mich sind viele Manager und Führungskräfte die reinsten Leistungssportler. Aber einsame Leistungssportler.

Red: Inwiefern?

DR: Ein Unternehmen zu managen und Mitarbeiter zu führen ist durchaus mit täglichem Training zu vergleichen. Was für einen Leistungssportler wichtige Turniere sind, sind für den Manager seine Bereichszahlen. Ob Zahlen oder Turniersieg – beide müssen überzeugen. Sowohl Manager als auch Leistungssportler müssen dafür wichtige Entscheidungen treffen. Bei so viel Gemeinsamkeiten ist es verwunderlich, dass es in der Vorbereitung einen wichtigen Unterschied gibt: Fast jeder Leistungssportler hat einen Coach oder Trainer und damit einen Partner auf Augenhöhe, der seinen Trainee motiviert und aufbaut, wenn nicht alles nach Plan läuft. Im Gegenteil dazu arbeiten in Deutschland meiner Schätzung nach mehr als zwei Drittel aller Führungskräfte und Unternehmen ohne Coach oder Trainer.

Red: Weshalb verzichten Ihrer Meinung nach so viele Führungskräfte auf einen Coach?

DR: Das liegt vielleicht daran, dass viele Manager meinen, damit eine Schwäche zu zeigen, im Sinne von “das sieht dann so aus, als könne ich es nicht alleine”. Diese Einzelkämpfer-Mentalität ist nicht mehr zeitgemäss. Einen Coach zu beauftragen ist ein Beweis von Stärke und der erste Schritt, das gewünschte Ziel zu erreichen. Denn in den meisten Fällen führt der berühmte Alleingang irgendwann in die Sackgasse. Dazu kommen die Anforderungen, die ein Manager oder eine Führungskraft zu bewältigen hat. Das gelingt nur in einem funktionierenden Team.

Red: Ein Manager ist im Unternehmen ja auch nicht alleine. Er hat Mitarbeiter, Sekretariat und alle möglichen Hilfsmittel. Also ist das Team doch da!

DR: Aber das Grundlegende fehlt. Er ist auf sich alleine gestellt. Wichtige Fragen werden aus Kompetenzgründen nicht mit Mitarbeitern diskutiert. Auch Geschäftspartner oder Freunde eigenen sich selten für Hilfe bei ernsteren Management-Problemen, da viele Manager bemüht sind, als Mensch da zu stehen, der alles im Griff hat, weil sie meinen, es werde so von einem Manager erwartet. Das kann fatale Folgen haben – sowohl für die Gesundheit als auch darin, mehr Enttäuschungen als Erfolge zu ernten. Ausserdem, es ist ein bisschen viel verlangt, dass ein Manager oder eine Führungskraft Ziele, Wege und Entscheidungen für sein Unternehmen treffen soll, diese in der Umsetzung verantworten und gleichzeitig noch seinen Mitarbeiter motivierend zur Seite stehen soll. Wer motiviert ihn, wenn er Zahlen liefern muss? Wer unterstützt ihn, wenn von seiner Entscheidung die Zukunft des Projektes und damit der Mitarbeiter abhängt?

Red: Woran kann ein Manager erkennen, dass die Zusammenarbeit mit einem Coach eine hilfreiche Alternative sein könnte?

DR:  Die burn-out-bedingten Ausfälle nehmen in Deutschland drastisch zu. Viele Manager überspielen die ersten Anzeichen. Es muss aber nicht erst zum Burn-out kommen. Ich rate jedem Manager, sich selbst mal kritisch unter die Lupe zu nehmen und sich Fragen wie diese zu beantworten: Komme ich gut mit meinen Mitarbeitern zurecht oder könnte es besser sein? Wie häufig beklage ich mich, dass ich nicht dazu komme, an neuen Projektideen zu arbeiten, beziehungsweise habe ich überhaupt noch neue Ideen, an die ich glaube? Auch sollten Kommentare von wirklich guten Freunden nicht überhört werden, die sagen “früher warst du lockerer” oder “früher hätte dich das auch begeistert”. Und wie steht es mit Hobbys? Was macht Spass und was lässt Glücksgefühle aufkommen? Gibt es überhaupt noch ehrliche Glücksmomente und Begeisterung?

Red: Und woran erkennt ein Manager, welcher Coach im weiter helfen kann?

DR: Das ist für Manager nicht so schwierig, denn gerade sie müssen in der Regel Tag für Tag Menschen einschätzen und entscheiden, welche Partner sie für ihre Projekte ins Boot holen. Ich empfehle immer ein ausführliches Kennenlern-Gespräch, bei dem sich zeigt, ob die Chemie stimmt. Denn Handwerkszeug ist das eine, wenn aber die menschliche Komponente nicht stimmt, dann wird es schwierig. Das ist wie in der Schule. War der Lehrer gut und sympathisch, dann gingen Lerneifer samt Schulnote wie von selbst nach oben. Kein Lehrer beherrscht alle Lehrmethoden und dasselbe gilt für Coachs. Jeder arbeitet anders. Im Einzelcoaching arbeite ich nicht mit einem festen Konzept, damit ich mich voll und ganz auf meinen Kunden einstellen kann. Ich hatte auch schon Kunden, mit denen ich in einer Bar trainierte. Oder Rollenspiele mit Kunden, die ich erst von der Seriosität des Wortes  “Spielen” überzeugen musste.

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